Übergewicht – reine Kopfsache?

Wissenschaftler untersuchen Reaktionen im Gehirn

Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Frauen und Männer unterschiedlich auf Hunger und Sättigung reagieren. | Foto: MT-Archiv

Warum fällt es übergewichtigen Menschen so schwer abzunehmen? Dass sie gemessen an ihrem Energiebedarf zu viel Nahrung aufnehmen, scheint offensichtlich. Oft wird der Vorsatz, weniger zu essen, schnell wieder aufgegeben. Warum fällt der Verzicht auf Essen so schwer? Sabotiert das Gehirn die guten Vorsätze?

Im Rahmen des vom BMBF geförderten Kompetenznetzes Adipositas möchten Wissenschaftler der Universität Tübingen Reaktionen im Gehirn in Verbindung mit der Nahrungsaufnahme untersuchen. Mit Hilfe bildgebender Verfahren  (Magnetoenzephalographie (MEG), funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT)) versuchen sie, Vorgänge im Gehirn normal- und übergewichtiger Menschen nachzuvollziehen.


Wie reguliert das Gehirn Hunger- und Sättigungsgefühl? Unterscheiden sich neuronale Prozesse bei Normal- und Übergewichtigen? Lassen sich diese neuronalen Prozesse durch eine entsprechende Therapie steuern?


Einige Frage konnten die Wissenschaftler bereits beantworten:


  • Verhaltenskontrolle: Bei einem erhöhten BMI (Übergewicht) ist die Aktivität im frontalen Bereich des Gehirns erhöht. Da dieses Areal für die Verhaltenskontrolle zuständig ist, könnte so erklärt werden, warum Menschen mit Übergewicht Probleme haben, ihre Nahrungsaufnahme ausreichend zu kontrollieren.

  • Sättigung: Bei übergewichtigen Personen hat Insulin im Gehirn eine geringere Wirkung. Das Hormon signalisiert dem Körper, wie viel Nahrung aufgenommen wurde. Eine Einschränkung der Signalfunktion kann zu einem verminderten Sättigungsgefühl und in der Folge zu erhöhter Nahrungsaufnahme führen.

  • Geschlechterunterschiede: Frauen und Männer reagieren unterschiedlich auf Hunger und Sättigung. Im Hungerzustand verändern sich die Hirnströme von Frauen stärker als von Männern, wenn sie Bilder mit energiereichen Speisen betrachten. Die Forscher sehen darin einen Hinweis darauf, weshalb es Frauen schwerer fällt als Männern, auf Speisen zu verzichten.

  • Gedächtnis: Stark übergewichtige Personen reagierten in einem Gedächtnistest langsamer auf Reize und machten mehr Fehler als die normalgewichtige Kontrollgruppe.

Die Erkenntnisse der Wissenschaftler sollen in der Praxis Anwendung finden. Ziel ist die Entwicklung von Verhaltenstherapien, in denen die Patienten lernen, ihre Hirnaktivität bewusst zu kontrollieren. Ein solcher therapeutische Ansatz ist zum Beispiel die Biofeedbackmethode: Physiologische Vorgänge, die der eigenen Wahrnehmung nicht direkt zugänglich sind, werden darin durch die Messung von Körperfunktionen (zum Beispiel von Gehirnströmen oder Körpertemperatur und Herzschlag unter anderem) bewusst gemacht.


Zur Veranschaulichung werden akustische oder visuelle Signale eingesetzt. Auf diese Weise soll eine Beeinflussung der physiologischen Vorgänge möglich werden. Die Methode wird bereits zum Beispiel bei Angstzuständen, Schmerzen, Verstopfung, Inkontinenz, Asthma und Herzproblemen eingesetzt. Im Falle von krankhaftem Übergewicht wäre beispielsweise denkbar, dass die betroffenen Personen sich die Aktivität bestimmter Gehirnbereiche als bewegliches Thermometer vorstellen und lernen, ihr Verhalten in vorgegebenen Situationen zu verändern.


Bei Integration dieses therapeutischen Ansatzes in ein ganzheitliches Therapieprogramm, das auch medizinische, ernährungsphysiologische und sportliche Aspekte thematisiert, könnte sich so die Möglichkeit bieten, Übergewicht gezielt und langfristig erfolgreich anzugehen.


Quelle: www.ernaehrung.de






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